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Silvester und Geräuschangst beim Welpen

Christoph MeyerErnährungsberater für Hunde & Katzen

Hund hat sich unter einer Decke versteckt, nur Nase und Pfoten schauen hervor
Wer sich verkriecht, bleibt dort – ihn herauszuholen macht die Angst größer

Eine Nacht mit langer Wirkung

Geräuschangst gehört zu den häufigsten Verhaltensproblemen beim Hund – und sie ist eines der wenigen, die sich in einer einzigen Nacht festsetzen können. Ein Welpe, der seinen ersten Silvesterabend als Bedrohung erlebt hat, zittert oft noch mit zehn Jahren unter dem Sofa.

Umgekehrt gilt das Gleiche: Ein Hund, der diese Nacht unauffällig verbringt, hat meist keine Probleme damit. Deshalb lohnt sich der Aufwand vorher mehr als jede Maßnahme am 31. Dezember.

Die gute Nachricht: Es ist September. Du hast Zeit.

Auf einem Blick

Warum Welpen besonders empfindlich sind

Zwei Dinge kommen zusammen.

Die Prägephase. In den ersten Lebensmonaten ordnet ein Welpe ein, was zur normalen Welt gehört und was nicht. Was er in dieser Zeit in Ruhe kennenlernt, bleibt harmlos. Was er als Schreck erlebt, wird zur Kategorie „gefährlich“ – siehe Prägephase und Sozialisierung.

Das Gehör. Hunde hören deutlich höhere Frequenzen als wir und nehmen Lautes entsprechend stärker wahr. Ein Böller, der für uns unangenehm ist, ist für einen Welpen ein körperliches Ereignis.

Dazu kommt, dass ein Hund die Ursache nicht sieht. Es knallt, ohne dass etwas passiert – und es lässt sich nicht weglaufen, weil es überall ist.

Was du ab Oktober tun kannst

Die eigentliche Arbeit findet Wochen vorher statt und kostet täglich fünf Minuten.

Geräusch-Training mit Aufnahmen. Es gibt frei verfügbare Silvester- und Gewitteraufnahmen. Das Vorgehen ist immer dasselbe:

  1. Aufnahme so leise, dass dein Welpe sie gerade eben bemerkt und weiterfrisst oder weiterschläft.
  2. Dabei etwas Angenehmes: füttern, spielen, kauen lassen.
  3. Über Wochen sehr langsam lauter werden.
  4. Zeigt der Hund Anspannung, warst du zu laut. Zurück auf die letzte Stufe, die entspannt war.

Der Fehler, den fast alle machen: zu schnell lauter drehen. Wer den Hund einmal erschreckt, hat das Training nicht nur unterbrochen, sondern verschlechtert.

Kauen und Schnüffeln als Gegengewicht. Kauen senkt nachweislich die Anspannung. Ein Welpe, der bei leisem Knallgeräusch an einem Kauartikel arbeitet, lernt eine Verknüpfung, die am 31. trägt. Welche Kauartikel sich für Welpen eignen, steht in Kauknochen für Welpen.

Den Rückzugsort bauen. Nicht erst am Silvesterabend, sondern jetzt. Ein Platz, den der Hund selbst wählt – oft unter einem Tisch, hinter dem Sofa, im Bad. Dort kommt eine Decke hin, vielleicht eine Box mit offener Tür, siehe Hundebox-Training. Wichtig: Er geht freiwillig hinein, und niemand holt ihn dort heraus.

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Die Tage davor

In Deutschland wird nicht nur in der Silvesternacht geböllert. Die ersten Knallkörper fliegen oft schon Tage vorher.

Der Abend selbst

Vorher füttern und lösen. Die Hauptmahlzeit früh, der letzte Gang nach draußen im Hellen. Viele Hunde fressen abends nicht mehr, wenn es draußen losgeht – das ist normal.

Fenster und Rollläden zu, Licht an. Geschlossene Rollläden dämpfen den Schall und nehmen die Lichtblitze weg. Helles Zimmerlicht sorgt dafür, dass die Blitze draußen weniger auffallen.

Grundrauschen im Raum. Radio, Fernseher, Musik – nicht laut, aber durchgehend. Es geht nicht darum, die Böller zu übertönen, sondern darum, die Stille zwischen den Knallen zu füllen. Die Stille ist der Teil, in dem der Hund angespannt wartet.

Da sein und normal bleiben. Deine Haltung ist die stärkste Information, die dein Hund hat. Wenn du bei jedem Knall zusammenzuckst und ihn besorgt anschaust, bestätigst du ihm, dass etwas los ist.

Trösten ist ausdrücklich erlaubt. Die alte Regel, man dürfe einen ängstlichen Hund nicht streicheln, weil man die Angst belohne, ist schlicht falsch. Angst ist ein Gefühl, kein Verhalten, und Gefühle lassen sich nicht durch Zuwendung verstärken. Sucht dein Hund Nähe, gib sie ihm – ruhig und ohne Aufregung.

Ihn nicht herauszerren. Liegt er unter dem Bett, bleibt er unter dem Bett. Dort fühlt er sich sicher, und jeder Versuch, ihn zu holen, nimmt ihm genau das.

Nicht mit nach draußen. Weder zum Anschauen noch „zum Gewöhnen“.

Was nicht hilft

Wegsperren. Ein Hund im geschlossenen Raum, der nicht zu seinem Menschen kann, gerät stärker in Panik, nicht weniger.

Ihn dem Lärm aussetzen, damit er sich daran gewöhnt. Das funktioniert nur bei niedriger Reizstärke. Bei voller Lautstärke passiert das Gegenteil, die Angst wächst.

Schimpfen. Ein Hund, der Angst hat, ist nicht ungehorsam.

Alkohol oder Hausmittel. Kommt tatsächlich vor und ist gefährlich.

Acepromazin. Dieses Mittel wurde jahrzehntelang zu Silvester verschrieben. Man weiß heute, dass es zwar die Bewegung dämpft, die Angst selbst aber nicht nimmt – der Hund ist weiterhin panisch, kann sich nur nicht mehr rühren und nimmt Geräusche unter Umständen sogar verstärkt wahr. Für Geräuschangst gilt es als überholt. Es gibt heute geeignetere Wirkstoffe.

Wenn Medikamente sinnvoll sind

Bei einem Hund, der bereits massive Angst zeigt – Panik, Zittern über Stunden, Fluchtversuche, Selbstverletzung –, ist Training allein für diese eine Nacht zu spät. Dann gehört das in tierärztliche Hand.

Wichtig dabei:

Sanftere Hilfen – Pheromonstecker, Ergänzungsfutter mit Tryptophan, Druckwesten – helfen manchen Hunden. Die Studienlage dazu ist dünn, schaden tun sie in der Regel nicht. Verlass dich nicht allein darauf.

Wenn es schiefgegangen ist

Falls dein Hund die Nacht schlecht überstanden hat: Das ist nicht das Ende. Geräuschangst lässt sich behandeln, und je eher man anfängt, desto besser.

Der Zeitpunkt dafür ist Januar, nicht der nächste Dezember. Ein ganzes Jahr Vorlauf reicht für ein sauberes Geräuschtraining, meist mit deutlichem Erfolg.

Ein Hinweis noch, der oft untergeht: Ein Hund, der plötzlich Geräuschangst entwickelt, obwohl er sie vorher nicht hatte, sollte einmal durchgecheckt werden. Schmerzen – vor allem im Bewegungsapparat – sind eine bekannte und regelmäßig übersehene Ursache für neu auftretende Geräuschempfindlichkeit.

Zusammenfassung

Der erste Jahreswechsel entscheidet oft, wie ein Hund den Rest seines Lebens auf Knallgeräusche reagiert – deshalb beginnt die Arbeit im Oktober und nicht im Dezember. Kern ist ein sehr leises, sehr langsames Geräuschtraining, gekoppelt an etwas Angenehmes, dazu ein selbstgewählter Rückzugsort und die Routine der Tage davor: früh Gassi, immer angeleint, Chipdaten geprüft. Am Abend selbst helfen geschlossene Rollläden, Grundrauschen, Anwesenheit und eine unaufgeregte eigene Haltung; Trösten ist erlaubt, Wegsperren und Herausziehen sind es nicht. Bei Hunden mit echter Panik gehört die Nacht in tierärztliche Begleitung – aber nicht mehr mit Acepromazin, das die Bewegung dämpft und die Angst lässt.