Pubertät beim Junghund: Wenn plötzlich nichts mehr gilt
Christoph MeyerErnährungsberater für Hunde & Katzen

Der Hund, der alles vergessen hat
Er war ein Musterschüler. Rückruf saß, Leine locker, Welpengruppe gelobt. Und dann, irgendwann zwischen dem sechsten und dem zehnten Monat, steht ein anderer Hund vor dir. Er hört nicht mehr. Er schaut dich an, während du rufst, und dreht sich weg. Er erschrickt vor dem Gullideckel, an dem er ein halbes Jahr lang vorbeigelaufen ist. Er testet Dinge, die längst geklärt waren.
Der verbreitete Erklärungsversuch lautet: Er will die Rangordnung neu verhandeln. Das stimmt nicht. Was hier passiert, ist weder Aufmüpfigkeit noch Rückschritt – es ist ein Umbau, und er ist vorübergehend.
Auf einem Blick
- die Pubertät beginnt je nach Größe zwischen dem sechsten und zwölften Monat und dauert oft bis weit ins zweite Jahr
- große Rassen fangen später an und bleiben länger dabei
- das Gehirn wird umgebaut, nicht der Charakter
- die zweite Angstphase ist normal und geht vorbei – wenn man sie nicht verschlimmert
- jetzt nicht mehr, sondern weniger verlangen – und Erreichbares üben
- Kastration löst das nicht, siehe unten
Was tatsächlich passiert
Drei Dinge laufen gleichzeitig, und sie passen nicht zueinander.
Die Geschlechtsreife kommt zuerst. Rüden beginnen zu markieren und für Hündinnen Interesse zu entwickeln, Hündinnen werden zum ersten Mal läufig – bei kleinen Rassen oft schon mit sechs Monaten, bei großen mitunter erst mit zwölf bis vierzehn. Der Hormonhaushalt schwankt dabei erheblich.
Das Gehirn baut um. In dieser Phase werden Nervenverbindungen massiv umsortiert: Was gebraucht wird, wird verstärkt, der Rest abgebaut. Die Bereiche, die für Impulskontrolle und Folgenabschätzung zuständig sind, reifen dabei als letzte. Das Ergebnis ist ein Hund, der weiß, was er soll, und es im Moment trotzdem nicht hinbekommt – beim Menschen kennt man dasselbe Muster aus der Jugend.
Der Körper ist fast fertig, der Kopf nicht. Genau daraus entsteht der Eindruck, der Hund „müsste es doch können“. Er sieht erwachsen aus. Er ist es nicht.
Es gibt sogar Untersuchungen, die zeigen, dass pubertierende Hunde auf Signale ihrer eigenen Bezugsperson schlechter reagieren als auf dieselben Signale von Fremden – und dass Hunde aus unsicheren Mensch-Hund-Beziehungen früher in die Pubertät kommen. Das ist ein tröstlicher Befund: Dass ausgerechnet du ignoriert wirst, ist kein Zeichen von Respektlosigkeit, sondern ein bekanntes Muster.
Wann es losgeht
Als grobe Orientierung:
| Endgewicht | Beginn | Ende (grob) |
|---|---|---|
| bis 10 kg | 6.–8. Monat | 12.–14. Monat |
| 10–25 kg | 7.–10. Monat | 15.–18. Monat |
| 25–45 kg | 9.–12. Monat | 18.–24. Monat |
| über 45 kg | 10.–14. Monat | bis 30 Monate |
Die Spanne ist groß, weil sie es tatsächlich ist. Wer wissen will, wo sein Hund landen wird, findet in der Welpen-Gewichtstabelle einen Endgewichtsrechner.

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Die zweite Angstphase
Der Punkt, der die meisten Halter am stärksten verunsichert.
Irgendwann in dieser Zeit erschrickt der Junghund plötzlich vor Dingen, die er längst kannte: der Mülltonne, dem Regenschirm, dem Nachbarn mit Hut. Er bleibt stehen, macht einen Bogen, bellt vielleicht sogar.
Das ist keine Verhaltensstörung und kein Erziehungsfehler. Es ist eine Phase, in der die Einordnung von Reizen neu justiert wird – und sie geht vorbei, wenn man sie richtig behandelt:
- Nicht durchziehen. Ein Hund, der in einer solchen Lage über die Leine an das Gruselige herangezwungen wird, lernt, dass es gefährlich ist.
- Abstand geben und warten. Er darf schauen, so lange er will.
- Trösten ist erlaubt. Angst ist ein Gefühl, kein Verhalten – man kann sie nicht durch Zuwendung verstärken.
- Nicht in dieser Phase neue schwierige Orte einführen. Kein Stadtfest-Training, wenn der Hund gerade vor Mülltonnen Respekt hat.
Wie das im Einzelnen aussieht, steht in Der Welpe bleibt stehen und will nicht laufen und in Reizüberflutung bei Welpen.
Was jetzt hilft
Weniger verlangen, nicht mehr. Der übliche Reflex ist, das Training zu verschärfen, weil „er es ja kann“. Genau das führt zu Frust auf beiden Seiten. Geh im Schwierigkeitsgrad zurück auf eine Stufe, die sicher funktioniert, und baue von dort neu auf.
Den Rückruf nicht verbrennen. Der teuerste Fehler dieser Phase: dreimal rufen, keine Reaktion bekommen, wütend werden – und den Hund dann schimpfen, wenn er doch kommt. Danach hast du kein Rückrufsignal mehr.
Stattdessen:
- In dieser Zeit Schleppleine statt Freilauf an unsicheren Orten. Nicht als Strafe, sondern damit du nie rufen musst, ohne durchsetzen zu können.
- Nur rufen, wenn du ziemlich sicher bist, dass er kommt.
- Die Belohnung fürs Kommen jetzt deutlich erhöhen. Was mit vier Monaten reichte, reicht mit neun nicht mehr.
- Rufen und dann nicht anleinen und heimgehen – sonst lernt er, dass Kommen das Ende bedeutet.
Struktur hochhalten. Feste Abläufe, klare Regeln, dieselben Reaktionen. Ein Hund, dessen Innenleben schwankt, profitiert von einem Außen, das es nicht tut. Das ist auch der Kern von Bindung zum Welpen aufbauen.
Ruhe einplanen. Junghunde schlafen weniger als Welpen, brauchen aber immer noch deutlich mehr Ruhe als erwachsene Hunde. Überdrehtheit sieht in dieser Phase aus wie Sturheit, siehe Wie viel Schlaf braucht ein Welpe?
Nase statt Kilometer. Suchspiele, Schnüffelrunden, Futtersuche im Gras. Kopfarbeit ermüdet diesen Hundetyp besser als Strecke – und Strecke ist bei einem Junghund, dessen Wachstumsfugen noch nicht geschlossen sind, ohnehin mit Vorsicht zu dosieren.
Was jetzt nicht hilft
Härte. „Jetzt muss er mal merken, wer der Chef ist“ ist in dieser Phase besonders schädlich, weil der Hund gerade lernt, wie verlässlich seine Umwelt ist. Was du hier an Vertrauen verspielst, holst du lange nicht auf.
Aufgeben und laufen lassen. Die Phase geht nicht von allein vorbei, ohne Spuren zu hinterlassen. Was ein Junghund jetzt tausendmal übt – ziehen, jagen, anbellen –, ist mit anderthalb Jahren ein gefestigtes Verhalten.
Der Vergleich mit anderen Hunden. Der Labrador der Nachbarin ist mit zehn Monaten fertig, dein Rottweiler braucht zwei Jahre. Das sagt nichts über die Erziehung.
Und die Kastration?
Die Frage kommt in dieser Phase fast immer, meist in der Form: „Wird er dann ruhiger?“
Die ehrliche Antwort: meistens nicht in der erhofften Weise. Pubertäres Verhalten ist nur zum Teil hormonell gesteuert; der Umbau im Gehirn läuft unabhängig davon weiter. Und eine frühe Kastration greift in das Wachstum ein – die Wachstumsfugen schließen später, der Hund wird tendenziell größer und die Gelenkbelastung ungünstiger.
Bei ängstlichen oder unsicheren Hunden kann eine Kastration Ängste sogar verstärken. Ausführlich und mit der Studienlage steht das in Kastration beim Hund: der richtige Zeitpunkt.
Kurz: Die Pubertät ist kein Grund für eine Kastration. Sie ist der Grund, sie zu verschieben.
Die Ernährung in dieser Zeit
Ein Punkt, der oft übersehen wird: Viele Junghunde werden zu früh auf Adultfutter umgestellt – oder umgekehrt zu lange mit einem energiereichen Welpenfutter versorgt, obwohl das Wachstum schon abflacht.
Faustregel: Der Wechsel richtet sich nach dem Wachstum, nicht nach dem Kalender. Kleine Rassen sind mit rund zehn bis zwölf Monaten so weit, große erst mit anderthalb bis zwei Jahren. Wer zu früh umstellt, deckt den Bedarf einer noch wachsenden Skelettstruktur nicht; wer zu spät umstellt, füttert Fett an.
Und umgestellt wird langsam, über etwa zehn Tage – Futterumstellung beim Welpen.
Wann du Hilfe holen solltest
Nicht alles ist Pubertät. Hol dir Unterstützung, wenn
- dein Hund andere Hunde oder Menschen ernsthaft bedroht,
- er Ressourcen verteidigt – Futter, Liegeplatz, Spielzeug – und dabei knurrt oder schnappt,
- die Angst zunimmt statt abzunehmen, über Wochen,
- du selbst an einen Punkt kommst, an dem du die Geduld verlierst.
Das ist kein Scheitern. Eine gute Junghundegruppe oder ein Einzeltraining löst Dinge in drei Wochen, an denen man allein Monate hängt – Welpenschule.
Zusammenfassung
Die Pubertät beim Hund beginnt je nach Größe zwischen dem sechsten und zwölften Monat und kann bis ins dritte Lebensjahr reichen. Was dabei passiert, ist kein Machtkampf, sondern ein Umbau: Der Körper ist früher fertig als der Teil des Gehirns, der Impulse bremst. Dazu kommt oft eine zweite Angstphase, die vorbeigeht, wenn man sie nicht durch Zwang verfestigt. Was jetzt hilft, ist weniger verlangen statt mehr, Schleppleine statt verbrannter Rückruf, feste Abläufe und genug Ruhe. Was nicht hilft, ist Härte, Laufenlassen – und die Kastration, die pubertäres Verhalten nicht abschaltet und dem Skelett in dieser Phase schadet.



